Ist Kristallglas wirklich kristallin?

Zuerst sollen wir klären, was „kristallin“ in der Werkstoffkunde bedeutet. Das Wort bezieht sich auf die räumliche Situation von Atomen, bzw. auch von Molekülen oder Ionen, aus denen jedes Material aufgebaut ist. Wenn diese Bestandteile räumlich angeordnet sind, insbesondere in größeren Bereichen (es wird dann von sogenannter Fernordnung gesprochen), dann wird die Struktur des Materials als kristallin bezeichnet.
Und nun kommen wir zur Titelfrage. Die Antwort lautet: Nein, Kristallglas ist nicht kristallin, sondern amorph wie alle Glassorten. Warum heißt es dann Kristallglas?
Bereits im 15. Jahrhundert wurde in Venedig kristallklares Glas hergestellt und als „cristallo“ angepriesen. Später wurde diese Bezeichnung auf alle glänzenden, farblosen Gläser mit hoher Lichtbrechung übertragen, die in einer für Glasschliffe optimalen Stärke hergestellt werden konnten, ohne Transparenz zu verlieren. Die Bezeichnung „Kristallglas“ dautet darauf hin, dass es im Vergleich zu herkömmlichem Kalk-Natron-Glas eine erhöhte Lichtbrechung und eine starke Dispersion (Brillanz) besitzt. Diese Eigenschaften rufen Farbeffekte hervor, die an Kristalle wie etwa Quarz erinnern. Dank dem hohen Brechungsindex wird das Kristallglas gern für geschliffene Gegenstände verwendet. Abb. 1 zeigt zwei Gegenstände aus Kristallglas, bei denen die Brillanz dieser Glassorte erkennbar ist.

                                                                                     Abb. 1 Gebrauchsgegenstände aus Kristallglas

Verschiedene Parameter wie hohe Dichte und geringe Verformbarkeit geben dieser Glassorte zudem einen angenehmen Klang. Heute bezeichnet der Begriff Kristallglas hochwertiges farbloses Glas, das aber oft Bleioxide enthält. Zwar gab es mit Bleioxiden versetzte Gläser schon im Mittelalter, die Erfindung des sogenannten Bleikristalls im Barock wird jedoch den Engländern zugeschrieben. Seitdem die Giftigkeit von Blei bekannt wurde, wird der Bleigehalt von Kristallglas von Produzenten und Händlern nicht mehr in den Vordergrund gestellt.
Bleifreie Kristallgläser wurden in Böhmen entwickelt, indem man der Glasmasse Kalk in Kreideform beimengte; daher die Bezeichnung Kreideglas (Böhmisches Kristallglas). Einfaches Kristallglas wird heute hergestellt, indem das Natriumoxid im Glas teilweise durch Kaliumoxid ersetzt wird. Dies gibt dem Glas eine noch schönere Brillanz. Ein besonders bleihaltiges Glas, das außerdem Borsäure enthält, wird Strass genannt. Diese Glassorte kommt in ihrer Lichtbrechungsvermögen dem Diamanten sehr nahe und wird vor allem zu Modeschnmuck verarbeitet.
Glas ist einer der ältesten Werkstoffe der Welt. Von seinen Anfängen bis heute hat es jedoch nichts von seiner Faszination verloren. Mehr über das Material Glas können Sie unter unserem Link: Glas lesen.<<